Sonntag, 19. Februar 2012

ღHerzflimmern Kapitel 3

Vika saß schweigend da. Die Hand in der sie das Telefon hielt, zitterte, wie ihr restlicher Körper. Ihre Atmung verkrampfte sich immer wieder, während zahllose Tränen flossen. Für einige Sekunden, die sich anfühlten, wie eine Ewigkeit, herrschte Stille. Ihr Schluchzen war alles, was man hörte, bis Julius diese, zum Ersticken erdrückende Stille brach.
,,Woher kanntest du ihn?"
In dem Moment wusster er nicht, wie richtig das war, was er tat. Vika wenigstens für den Moment nicht zu sehr über die Situation nachdenken lassen, war das Beste, was er tun konnte. Es bewahrte sie, wenn auch nur für das Jetzt vor innerer Selbstzerstörung.
Dennoch würde das früh genug auf sie zukommen.
Sie versuchte sich zusammen zu reißen und antwortete ihm.
,,Mehr oder weniger durch Benn."
Julius schwieg einen Moment.
,,Hast du ihn geliebt?"
Seine Stimme klang bedrückt und sie brauchte ihn nicht vor sich zu sehen um zu wissen, dass ihm unwohl war. Sie kannte ihn gut genug.
,,Nein, naja, nicht wirklich. Er meinte, er liebt mich, wollte eine Beziehung und das alles... Ich hab ihn angelogen und ihm gesagt, dass ich ihn auch liebe. Irgendwie hab ich das ja auch. So wie einen sehr guten Freund, vielleicht mehr. Aber es hat eben nicht gereicht."
,,Jetzt ist es egal. Er ist tot."
Vikas Atem stockte kurz, als sie seine herzlosen Worte hörte. Gerade hatte sie sich ihm mitgeteilt, ihm ihr Herz ausgeschüttet, und er?  Ihn schien das kein Stück zu interessieren. Er war kalt und Mitgefühl war scheinbar zu einem Fremdwort für ihn geworden. Früher war er anders. Aber vielleicht konnte er einfach mit der Situation nichts anfangen.
,,Wie kannst du das so einfach sagen?!"
,,Ich kannte ihn nicht wirklich. Hab' ihn vielleicht mal gesehen. Das war's."
Wieder war es Still. Vika schniefte kurz und wischte sich das Gesicht mit ihrem Ärmel ab. Sie hörte wie bei Julius im Hintergrund etwas von Polizeifunk gesprochen wurde und, dass sein Vater gerade im Internet nach einem Unfallbericht suchte.
Als die Hintergrundgeräusche verschwanden und sie hörte wie eine Zimmertür geschlossen würde, wusste sie, dass er wieder alleine war.
,,Und du bist dir wirklich sicher? Ich kann und will das nicht glauben."
Sie wusste, dass er sie niemals anlügen würde. Erstrecht nicht bei sowas. Jus, wie sie ihn manchmal immer noch liebevoll nannte, was aus der Zeit kam, als sie noch zusamen waren, war auch einer der wenigen Menschen, denen sie blind vertrauen konnte. Also hätte sie sich diese Frage theoretisch schenken können.
,,Ja, bin ich. Wir wollten die Straße entlang fahren. Das war vor so ungefähr 2 Stunden. Da war alles abgesperrt. Ein Krankenwagen fuhr gerade weg. Ohne Rotlicht und ohne jemanden eingeladen zu haben. Da waren Polizeiautos und der Wagen von seinen Eltern war auch da. Ich hab keinen von ihnen gesehen, aber ich kann mir vorstellen, wie sie aussahen, nachdem sie die Leiche ihres Sohnes gesehen haben. Dieser scheiß Autofahrer. Der hat Schuld an dem Ganzen."
Vika schwieg.
,,Willst du vielleicht mit meiner Schwester reden? Oder meiner Mutter?", fragte Julius
,,Nein, ist schon okay. Sie können auch nichts ändern. Ich muss jetzt sowieso auflegen..."
,,Ja ich auch."
,,Okay bis dann."
,,Bye."
Langsam ließ sie das Telefon sinken und wie in Trance ging sie die Treppe herunter, legte es auf seinen Platz. Sie legte sich ins Bett, egal wie spät es  war, denn es war noch recht früh. Egal, was sie noch für die Schule machen musste. Sie legte sich hin und bis dahin gelang es ihr an nichts zu denken.
Doch als Vika da lag und Stille das Einzige war, was sie umgab, brach es aus. Ihre Gedanken, ihre Tränen, vernichtende Vorwürfe, Leugnung. Sie verschloss die Augen vor der Wahrheit, weil sie diese nicht ertragen konnte. Es ging zu vieles in ihrem Kopf vor sich, um es auch nur ansatzweise beschreiben zu können.
Er kann nicht tot sein. Nein er darf es nicht. Das muss .... keine Ahnung ...eine Verwechslung, ein Irrtum sein. Dan darf nicht tot sein, ich hab ihm doch noch nicht ganz die Wahrheit gesagt. Er darf nicht mit all diesen Lügen gestorben sein...
Sie krallte ihre Hände in ihr Kissen und versuchte verzweifelt diese quälenden Gedanken irgendwie loszuwerden. Aber es ging nicht. Sie glaubte das alles nicht.
Morgen, da wird er on kommen. Und dann ist alles gut.
Sie wusste, er würde es nicht. Aber es war kaum in Worte zu fassen, wie sehr sie das doch irgendwie hoffte.
Sie drückte ihr Kissen fest an sich, während sie spürte, was alles in ihr tobte. Und dann war da noch diese Einsamkeit, die in Zukunft ein Bestandteil ihres Lebens werden würde.
Doch auf einmal wurde sie ganz ruhig. Ihr Körper entspannte sich und für einen Moment belastete sie nichts mehr. Sie spürte deutlich die Anwesenheit von etwas, jemandem und irgendwie beruhigte sie das. Dann war da auch noch ihre Erschöpfung, die sie heimsuchte und ihre Müdigkeit und auf eine ihr unbekannte Weise verspürte sie Frieden.
Sie dachte an das, was Dan ihr geschrieben hatte vor einem oder zwei Tagen vielleicht war es auch noch am Gleichen. Er würde sie lieben, solange er lebte und würde er sterben, so würde er immer auf sie aufpassen, denn ganz alleine könne er sie nie lassen.
Ein wohliges Kribbeln zog über ihre Wange, fast so, als würde sie jemand dort behutsam streicheln. Die Decke, die auf ihr lag wurde schwer, so als würde sie sich diese mit jemandem teilen. Und so schlief sie friedlich und ruhig ein, mit dem Wissen, das jemand bei ihr war, so wie er es versprochen hatte.
Ob dies nun Einbildung war und es ihr nur deshalb so vorkam, weil sie schon halb schlief,  darüber konnte man streiten. Für sie war es echt und ganz und gar verlassen hatte er sie nicht. Nur war jegliche Hoffnung, dass diese Einstellung auch die nächste Zeit erhalten bleiben würde, vergebens.

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