Samstag, 4. Februar 2012

ღHerzflimmern Kapitel1

Vika blickte beiläufig aus dem Fenster. Der Sonnenuntergang dieses Januar-Abends war wunderschön, wenn auch ungewohnt für die Jahreszeit. Zwischen den Häusern auf der anderen Straßenseite leuchtete der Himmel Blutrot. Während sie verträumt zusah wie der Himmel immer dunkler wurde und nebenbei Musik hörte, wie sie es immer tat, wenn sie an ihrem Laptop saß, hörte sie das klirrende kurze Aufklingen des Nachrichtensignals bei Facebook.
Dan  hatte ihr geschrieben
-Hey
-Hi
Sie seufzte, denn er.... Er war einer der wenigen Menschen, der sie überforderte. Aber nicht nur er. Da war noch Rick. Obwohl... eigentlich überforderte sie sich selbst. Beide wohnten weit weg von ihr. Vor gar nicht so langer Zeit,  einer Woche, vielleicht zwei, war sie noch mit Rick zusammen. Es lief eigentlich auch alles ganz gut. Täglich schrieben und camten sie. Natürlich vermissten sie sich, doch sobald Rick, der 17 war, seinen Führerschein hatte, wollte er zu ihr. Damals schien alles so, als würden sie es schaffen. Die ganze Zeit haben sie sich das vorgenommen.
Warum Rick auf einmal eiskalt zu ihr wurde, wusste sie nicht. Aber das tat er selbst nichtmal. Er verließ sie für eine Andere. Vika brach aus Wut und Enttäuschung den Kontakt ab. Obwohl sie ihn noch immer liebte. Aber sie wusste nicht wie es anders hätte weitergehen sollen.
Doch als sie einige Zeit später eine Sms bekam, in der Rick wieder Kontakt wollte, überlegte sie nicht lang. Sie dachte er würde sie wieder zurück wollen, doch es war ganz anders. Diese Schlampe hatte ihn die ganze Zeit über nur verarscht.
Dan aber könnte sie von Rick ablenken. Er war nett und sagte ihr oft, das er mehr wollte.
Einerseits wusste Vika, dass, wenn sie ihm eine Chance geben würde, sie sich mit der Zeit von alleine in ihn verlieben würde und so endlich von Rick loskäme. Andererseits... Sie hätten keine Zukunft, das war klar. Sie würden sich so bald nicht sehen. Und sie log ihn doch nur an. Wenn er sagte, dass er sie liebe, sagte sie, dass sie es auch täte. Aber was sollte sie anderes tun, wenn sie ihn nich verletzen wollte?
Vika lehnte sich zurück und spürte dabei die Stiche, die sich wie Nadeln in ihr Herz bohrten. Sie zuckte kurz zusammen, eine Sekunde später ging es wieder. Soetwas kam öfter vor. Angeblich war es normal. Wachstum, meinte der Arzt als Grund. Sie war ziemlich skeptisch, was das anging.
-Wie gehts?
leuchtete im Chat auf. Sie antwortete nach kurzem Zögern
-Gut dir?
-Auch. Was machst?
-Fernsehen du?
-Fahr gleich zu Oma
Kurz war es still, dann kam eine neue Nachricht.
-Naja ich liebe dich.
Vika hielt kurz inne. Was sollte sie sagen? Wieder lügen, damit er glücklich war? Wie konnte sich etwas so Falsches nur so richtig anfühlen? Es war doch das, was er wollte.
- ok denn viel Spaß da
-danke...
Sie fühlte sich schlecht, dass sie ihn anlog und wollte endlich ehrlich zu ihm sein. Also schrieb sie ihm nach etwas Überwindung eine längere Nachricht, denn so wie jetzt ging es schon Tage. Viel länger sollte es nicht so weitergehen.
-hey ich glaub ich muss mit dir reden...
naja ich denke nicht dass wir zusammen sein sollten.. jedenfalls noch nicht jetzt sofort... ich glaub du würdest nicht mit mir klarkommen beziehungsweise mit einer Beziehung mit mir zufrieden sein, weil ich selbst nicht mit mir zufrieden bin... zu anstrengend und eh die kleine klassische Bitch... ein Mädchen, das du denke ich mal besser nicht haben solltest, ich würde dir nur das Leben schwer machen mit all meinen Problemen. Außerdem ist das mit der Entfernung nahezu unmöglich.
Es war schwer für sie all das zu schreiben, was sie dachte. Aber es war wenigstens mal die Wahrheit.
-Das machst du nicht und du bist keine Bitch!!
Sie wollte sich nicht mit ihm streiten. Nicht schon wieder. Nicht über das Thema.
-hey aber wegen Beziehung, sag mir einen Grund warum ich nochmal darüber nachdenken sollte.
-weil ich dich nicht verlieren will
kam sofort von ihm als Nachricht.
Sie seufzte. Dagegen konnte sie nichts sagen.
-ok
Dan donnerte sie nur so mit Nachrichten zu.
-außerdem machst du mir keine Probleme. Das stimmt gar nicht! Wir können das schaffen.
Ich liebe dich und du mich doch auch oder?
Vika hasste sich schon bevor sie es schrieb. Sie donnerte in die Tasten und voller Wut auf sich selbst schließlich auf Enter.
-Ja
-Sicher
kam eine Sekunde später
Wieder ja.
-ok das ist schön.
aber ich muss jetzt los
-ok bye
Vika drückte ihr Gesicht in die Kissen. Es war nicht kompliziert. Es war ganz einfach. Vorrausgesetzt er wäre ihr egal, vorrausgesetzt seine Gefühle wären ihr gleichgültig, vorrausgesetzt sie könnte ihn ohne zu zögern mit der Wahrheit konfrontieren und schwer verletzen. Wenn sie das alles könnte wäre es ein Kinderspiel für sie. Doch sie konnte nicht eine einzige Sache.
Sie war aufgewühlt und ihre Gedanken drehten sich immer wieder um ihn und darum, was sie ihm antat. Würde sie wollen, dass jemand so zu ihr ist? Sie so anlügt?
Selbst als sie unter der heißen Dusche stand, konnte sie dies nicht ablenken. Nicht das kochende Wasser, nicht der Dampf, der wohltuend aufstieg und das Glas der Dusch-Kabine beschlagen lies. Egal was sie tat, ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Sie strich sich die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht und stützte sich an der Wand ab.
Egal wie riesig ihre Probleme waren, sie warf sich das alles vor, egal was. Denn sie alleine war Schuld an allem. SIE belog ihn. SIE verarschte ihn. SIE machte ihm Hoffnungen und SIE hasste sich selbst für all das mehr als alles andere auf der Welt. Vor ihrem eigenen Gericht ließ sie keine Ausreden gelten. Von wegen, es würde sich doch alles ändern, nach einer Zeit würde sich doch auch in ihn verlieben. Es würde doch alles noch gut werden....
Sie stemmte die Hände gegen die Glastür. Ihre Fäuste ballte sie so sehr, dass ihre Fingernägel in ihre Handfläche stachen. Diese Wut auf sich selbst ließ sie zittern, als wären um sie herum Minusgrade. Dabei floss das heiße Wasser die ganze Zeit ihren Rücken hinab.
Auf einmal aber stand die Zeit einen Moment still.
Etwas prallte auf sie.... hart auf ihre Brust.
Nichts Physisches.... etwas anderes durchstach sie.
Vika krümmte sich zusammen  und ging auf die Knie.
Es stach immer weiter durch sie hindurch. Immer tiefer. Sie musste sich den Mund zuhalten um nicht zu schreien. Die andere Hand presste sie gegen ihre Brust, als müsste sie ihr Herz zurückhalten, damit die Stücke in die es gesprengt wurde ihr nicht herausfielen.
Als ihr schwerer Atem wieder leichter wurde und die Schmerzen von einer auf die andere Sekunde weg waren, sah sie in den Spiegel. Da war nichts. Nichts, dass sie ansatzweise ängstigen könnte. Kein Blut. Sie sah auch nicht besonders blass aus, wie sie es bei schlechter Durchblutung gewesen wäre. Das Einzige, was sie im Spiegel sah, war ein Mädchen, das vor Schmerzen völlig verheult war.

Sicherlich wären noch einige Tränen mehr ganz bewusst geflossen. Wenn sie wüsste, was zur
gleichen Zeit 300 km entfernt passierte.

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