Freitag, 13. April 2012

ღHerzflimmern Kapitel 5

Der Flur war überfüllt, wie jede Pause. Vika musste sich durch Fünftklässler drängeln, die es scheinbar für nötig empfanden diesen zu verstopfen.
Bis zum Textil-Raum war es nicht weit. Den Flur runter und ganz am Ende des Ganges die Tür auf der linken Seite. Sie versuchte niemandem in die Augen zu sehen. Das tat sie grundsätzlich nicht, weil sie in den Blicken Anderer lesen konnte, wie sie sich fühlen. Sie sah dies einfach als gute Menschenkenntnis an, auf die sie aber oft genug verzichten konnte.
In der Schule war es nicht so schlimm, doch wenn sie in der Innenstadt unterwegs war und dort ältere Menschen sah, deren trübe Blicke die ihren trafen, dann baute sich kurz eine solche Spannung auf, dass sie Stichworte und manchmal auch kurze Sätze dessen hörte, was der Mensch dachte und wie er sich fühlte. Oft waren sie verzweifelt, weil sie alle mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hatten. Andere dachten an ihre Familie und manche waren auch wirklich glücklich, aber jeh älter die Menschen wurden, so kam es Vika vor, umso unzufriedener wurden sie.
Vika sah Alios am Vertretungsplan stehen, worauf sie auch noch einen Blick werden wollte.
Alios dunkles mittellanges Haar verdeckte seine Augen zu Vikas Glück. Sie hasste es zu wissen wie er sich fühlte, weil er ihr sehr ähnlich war. Ziellos, Verzweifelt, unzufrieden mit allem aber am meisten mit sich selbst. Als würde sie in einen Spiegel sehen, so kam es ihr vor.
Sein sehr dünner und größer Körper schien wie eingefroren. Ob er wusste, dass Vika hinter ihm stand? Sie sah auf den Plan, wartete aber noch etwas, ehe er sich umdrehte. Als er es tat streifte sein harter Blick ihren. Er war schön, aber auf eine sehr traurige Art und Weise. Und die Wörter, die er ihr überbrachte, kamen ihr bekannt vor.
Wir....Freunde... enttäuscht... Meinung.... du kannst die Wahrheit nicht ertragen.... meine Meinung nicht ändern....
Als der elektrisierende Moment sie gehen ließ, konnte sie sich zusammenreimen, was er gedacht hatte.
Wir waren Freunde und du bist enttäuscht, weil ich meine Meinung gesagt habe? Du kannst die Wahrheit nicht ertragen. Ich werde meine Meinung nicht ändern.
Ungefähr das hatte er ihr letztens gesagt. Früher war er ihr bester Freund. Über alles konnte sie mit ihm reden. Doch jetzt hasste sie ihn manchmal für das was er sagt. Nie konnte sie es ihm recht machen, weil in seinen Augen alles falsch war und manchmal kam es ihr vor, wenn er mit ihr redete, dass seine Worte wirklich jedes mal richtig lagen und sie nur wieder Unrecht hatte. Er konnte die Wahrheit oft so verdrehen, dass sie es selbst nicht mehr glaubte.
Aber sie hatte aufgehört ihn verstehen zu wollen, als er ihr seine Meinung sagte, die Freunde niemals zueinander sagen würden.
Und genau an dem Punkt war die Freundschaft zu Ende, wenn sie denn überhaupt jemals eine richtige Freundschaft gewesen war...
Ohne über irgendetwas nachzudenken, setzte sie ihren Weg fort. Es war noch kaum jemand da. Nur die Lehrerin, Frau Meier.Vika stellte ihre Sachen an den Platz, wo sie immer saß. Bald kamen auch die Anderen des Kurses, darunter Mick. Immer wieder starrte er zu ihr herüber. Sie tat so, als würde sie davon nichts merken und ignorierte es gekonnt. Als sie später an ihrem Platz saß und an der Nähmaschine arbeitete, setzte er sich neben sie.
Wirklich hassen tat sie ihn nicht, nur nach allem, was passiert ist, würde sie es manchmal zu gern. Nur wenn er in ihrer Nähe war, dann sah die Situation oft ganz anders aus.
Mühevoll fädelte sie das Garn ein. Das hasste sie immer am meisten, weil sie nie wusste, ob das was sie tat richtig war oder nicht.
,,Soll ich dir helfen?", hörte sie Mick sagen, der sie zweifelnd ansah.
,,Nein. Geht schon." sagte sie stur. Zwar wusste sie, dass sie das nicht konnte, aber sie hasste es so hilflos vor Mick zu erscheinen. Er stand auf und sah ihr mit verhöhnendem Lächeln über die Schulter. Sie konnte sich selbst förmlich verzweifeln sehen. Am liebsten hätte sie sich angeschrienen, denn schnell machte sich Wut in ihr breit. Wut auf sie selbst und dass sie ihm wieder bewies, dass sie nichts weiter als ein kleines hilfloses Mädchen war. Wie sie dieses Gefühl hasste.
Und dann lachte er, wie sie es erwartet hatte und sagte, dass sie zur Seite gehen sollte. Er zog das Garn heraus und erklärte ihr peinlich genau, so dass sie sich noch dümmer vorkam als so schon, durch welche Öse und an welcher Schiene vorbei das Garn geführt werden muss. Aber sie hörte das alles nicht, weil sie seine Nähe so stark spürte. Sein Atem an ihrer Wange. Seine Wärme. Sein Duft. Ihre Gedanken schalteten sich für einen Moment aus und die guten Erinnerungen kamen hoch. Einen kleinen Moment wirkte eine fragwürdige Anziehungskraft auf sie ein, die ihr in dieser Form völlig fremd war. Als Mick sie ansah und scheinbar mit seinem Latein am Ende war, fing ihr Kopf wieder an zu arbeiten.
,,Verstanden?" , fragte er, als hätte er mitbekommen, dass sie nicht bei der Sache war.
Sie nickte und arbeitete schweigend weiter.
Als sie zu Haus ankam griff sie unter ihr Kissen und holte ihr Tagebuch heraus. Sie schlug es auf und fing an zu schreiben, als würden die Worte des Füllers in ihrer Hand von selbst fließen.


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